Kinder-Reha mit Nussallergie: 4 Wochen im Paradies

Ein persönlicher Erfahrungsbericht aus der nussfreien Alpenklinik Santa Maria in Oberjoch

 

Egal, aus welchem Grund eine Reha beantragt wird: Wenn eine Nahrungsmittelallergie im Spiel ist, bedeutet das mindestens 4 Wochen Fremdverpflegung aus einer Großküche – eine riesige Herausforderung fürs Kind und für die Eltern!

 

Gerade bei anaphylaxiegefährdeten Kindern, die „Spuren“ von hochpotenten Allergenen wie Erdnüssen und Nüssen meiden müssen, ist das Thema Essen eine Vertrauenssache. Eltern, die erlebt haben, wie ihr Kind durch kleinste, nicht sichtbare Mengen Nuss innerhalb kurzer Zeit in akute Lebensgefahr geraten ist, fällt es sehr schwer, die Kontrolle über die Zubereitung der Lebensmittel in fremde Hände abzugeben. Reha-Kliniken stellen sich zwar in Diätküchen auf jegliche Sonderkost ein, aber dennoch bleibt die Gefahr der Kreuzkontamination durchs restliche Buffet und andere Familien im Speisesaal bestehen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es nicht witzig ist, auf einer Nordseeinsel ohne eigenes Krankenhaus mehrere Wochen in einem Speisesaal mit Nutella, Pistazienwurst etc. zu essen: Jede Quaddel im Gesicht des Kindes (und davon gab es reichlich) löst neue Ängste aus, weil man anfangs nicht sicher weiß, ob es bei einer harmlosen Quaddel bleibt oder sich eine Anaphylaxie anbahnt!

 

Die Alpenklinik Santa Maria in Oberjoch geht da andere Wege: Sehr konsequent wird hier auf Nüsse und Erdnüsse verzichtet. Überall in den Gemeinschaftsküchen, Infomappen und Vorträgen wird darauf hingewiesen, dass keine nusshaltigen Lebensmittel (Erdnüsse werden hier mit eingeschlossen, da die meisten Menschen den Unterschied nicht kennen) mitgebracht, gelagert oder verzehrt werden dürfen.

Die Küche bereitet ausschließlich Lebensmittel ohne Spuren von Nüssen/Erdnüssen zu; zusätzlich werden für sog. „Risikopatienten“ die Lebensmittel separat verpackt oder mittags an einer separaten Allergie-Ausgabe ausgegeben, um das Restrisiko von Kreuzkontamination noch weiter zu minimieren. Dadurch sahen wir uns plötzlich in der absolut ungewohnten und traumhaften Lage, „ganz normal“ mitzuessen! Sogar der Kuchen am Nachmittag oder die frisch gebackenen Waffeln am wöchentlichen Waffeltag konnten wir einfach so kaufen! Was für Außenstehende vielleicht nicht nachvollziehbar ist – alle, die mit Anaphylaxierisiko leben, werden nachvollziehen können, dass es für uns nahezu paradiesische Zustände waren! Das Restrisiko bleibt natürlich, 100 % Sicherheit gibt es nun mal nicht, denn natürlich kann niemand kontrollieren, was tatsächlich von anderen Bewohnern verzehrt wird, ob innerhalb oder außerhalb der Klinik. Und so hatte auch mein Sohn in dieser Zeit zwei allergische Reaktionen nach dem Essen: einmal, als er „mutig“ wurde und sich (wie sein erdnussallergischer Freund) Zwieback vom Buffet holte, nicht separat abgepackt. Der Zwieback selbst war ohne Spuren, aber mutmaßlich Kreuzkontamination an der Zange oder am Zwieback selbst dürften zu Quaddeln am Kinn, geschwollener Lippe und juckendem Rachen geführt haben. Gleiches geschah am letzten Abend, trotz abgepacktem Essen: Quaddeln am Kinn, rot-tränend-juckendes Auge, Quaddeln am Bauch. Über die Ursachen können wir nur spekulieren, aber mit dem Wissen, dass zumindest von Seiten der Küche keine Gefahr bestand, lebte es sich deutlich gelassener.

 

Gleiches gilt für die Schule: Ja, natürlich kennt man dort den Pen! Laut Aussage der Lehrerin befindet sich sogar auf jeder Etage ein sog. generischer Pen, also einer, der im Fall der Fälle eingesetzt werden kann! Auch die Skischule hat natürlich kein Problem mit Notfallmedikamenten!

 

Mehrmals wurde ich gefragt, was eigentlich in so einer Reha passiert.

Also, dass EINS mal klar ist: Eine Kinder-Reha ist KEINE KUR und erst recht KEIN URLAUB, nicht fürs Kind und schon gar nicht für die Begleitperson! Von daher: Nein, ich bin NICHT gut erholt! Jeder Wochentag ist komplett durchgetaktet, von morgens bis abends! Als Begleitperson habe ich die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass mein Kind zur richtigen Zeit mit den richtigen Sachen am richtigen Ort ist, während ich selbst verpflichtende Termine wahrnehme und natürlich die Essenszeiten einhalte. Das ist alles wunderbar organisiert und völlig in Ordnung so – aber es ist NICHT ERHOLSAM! 😉

 

Diagnostik? Vielfältige Möglichkeiten! Wir sind allerdings von zu Hause aus schon fantastisch „durchdiagnostiziert“, so dass sich die Dagnostik bei uns auf verschiedene Sport- und Lungenfunktionstests beschränkte.

 

Therapien? Jede Menge! In unserem Fall bei Asthma, Allergien u.a.:

vor allem Bewegung an der sauberen Allgäuer Luft

Sport & Schwimmen

Atemgymnastik

Kneippen

Entspannung

Asthmaschulung

Anaphylaxieschulung

Psychologische und ernährungstherapeutische Gespräche

u.v.m.

Plus eine Vielzahl sehr hilfreicher Fachvorträge für die begleitenden Eltern.

 

Fazit: Gelassenheit bei guter Küche, großartige Winterluft und die tollen Therapie-Angebote haben definitiv zu einem guten und hoffentlich nachhaltigen Reha-Erfolg beigetragen. Wir danken dem gesamten hochprofessionell arbeitenden Team der Alpenklinik und können jedem kleinen Allergiker mit den entsprechenden Indikationen diese Klinik empfehlen!

 

Herzlichst

Kristina Schmidt

 

P.S. Kann Spuren von Wissen enthalten!

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